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Bürgerfunk: Generation Handy 2.0 !?!
Während das Internet mit großen Schritten gen Web 2.0 (Erläuterung) stiefelt und Social Bookmarks, Tagging und Citizen Journalism zu neuen Tugenden erkoren hat, schauen die meisten von uns doch immer noch lieber auf die kleinen Displays ihrer Funken. Gleichzeitig baumeln Memorysticks anstelle von Goldschmuck auf unserer Brust oder wir drehen wie wild mit dem Daumen an einem kleinen Rad durch den eigenen Soundpool. Wie unfassbar schnell sich unsere Welt durch mobile Kommunikation verändert hat, ist uns immer noch nicht wirklich bewusst.
"Der Benutzer ist die Botschaft!"
Medientheoretiker Marshall Mc Luhan
Die Anschläge in London im Sommer haben es uns allen vor Augen geführt: das Handy, der Laberknochen, die elektronische Hundeleine oder sachlich unser Mobiltelefon ist zu dem Kommunikationsgerät des 21. Jahrhundert geworden. Denn ausgerüstet mit Zusatzfunktionen wie der Kamera plus SMS-Technik wurden binnen Minuten Informationen wie Nachrichten und Bilder des Ereignisses in Echtzeit auf Weblogs veröffentlicht oder an Freunde und Bekannte verschickt. Der brave Bürger mutierte zum unfreiwilligen Dokumentator vor Ort und löste in der News-Berichterstattung die herkömmlichen Medien ab. Alles was sie/er brauchte, war seine Funke und einen Daumen.
Info-Management: Ein Daumen und 10 Tasten
Mobiltelefonie wird immer billiger. Eine UMTS-Flatrate rund um die Uhr ist vollkommen akzeptabel im Preis und die purzeln sicherlich weiter. Kein Wunder also, dass Arne via UMTS plus Skype mit seiner Freundin in Moskau telefoniert. Heute braucht er noch seinen Laptop, morgen telefoniert er sicherlich mit seinem Handy. Dann aber nicht wie gewöhnlich, sondern mittels VoIP (Voice over IP). Denn was heute noch ein Umweg ist, wird spätestens mit ausgereiften Werkzeugen für jedermann nutzbar. Uns allen wird das noch einen weiteren Schubs in die totale Vernetzung geben. Denn dann wird alles vom Handy aus von Emails über Sounds bis hin zu Videos über das Internet verteilt und abgerufen. Und was einmal im Netz landet, ist nicht mehr aufzuhalten. Sofern es seine Interessenten findet. Privatsphäre wird dann ein noch kostbareres Gut.
We The Media (Erläuterung)
Während die Kids auf der Straße so tun, als sei ihr Mobiltelefon der neue Gettoblaster und über die Lautsprecher den neuesten R'n'B-Song plärren lassen, sitze ich verwundert vor einem Testgerät von Toshiba. Im Vergleich mit dem Toshiba 803 zieht mein alter nach wie vor hervorragende Dienste leistender Knochen den Kürzeren. Die Technik hat den nächsten Satz gemacht, merke ich. Heute sind Bausteine wie ein 512MB-Speicher, eine hochauflösende Kamera, ein brillantes farbiges Display mit einer noch größeren Auflösung sowie komplexe Java-Anwendungen kein Problem mehr. Auch das Toshiba nimmt Videos auf, streamt neue Sounds via URL und macht den von Anfang an überflüssigen USB-Musicstick obsolet. Ähnlich wie bei dem W900i von Sony Ericsson lösen somit Mobiltelefone immer mehr einfache Abspielgeräte ab.
UMTS selbst bleibt trotz aller Versprechen immer noch ein wenig hinter den Erwartungen zurück. Oft sind die Netze bereits jetzt schon so ausgelastet, dass Informationen wie in alten Modemzeiten tröpfchenweise in der Innenstadt ins eigene Device sickern.
Ob sich iPod und Freunde angesichts der rasanten Handy-Entwicklung warm anziehen sollten, bleibt abzuwarten. Spätestens mit den ersten Festplatten in Handys plus Flatrate für alle fängt die Apple-Bastion an zu zittern. Dann passen noch mehr Tracks in die kleine Plaudertasche und Mutti kann noch komplexere Videos, mit noch besseren Auflösungen für die eigene Mediathek drehen. Wann wir dann die ersten Nachrichtenbeiträge von Bürgern im Video-Format im Fernseher sehen, ist nur noch eine Frage der Zeit. Ob wir dabei noch gläserner werden, wie sich die soziale Kultur verändert und welche Auswirkungen der so genannte Citizen Journalism haben wird, bleibt abzuwarten (siehe Buchtipps in der Infobox).
Fetisch Handy, Fetisch Gadget
Bei aller Liebe zur Beschleunigung durch Technik, so hat die Fusion der Funktionen in einem Gerät natürlich auch seine Nachteile. Die nennen sich Systemabsturz, Viren, Würmer und Datenspionage. Außerdem sollte man die Hingabe zu und Vergötterung von einzelnen Gadgets nicht unterschätzen. Ein PC kann alles, aber nur ein iPod wird genüsslich gestreichelt. Denn eine Vireninfektion wird dieser bei reduzierter Funktionsvielfalt sicherlich erspart bleiben. Außerdem trennt man auch gerne und last but not least steckt in den meisten von uns allen auch ein leidenschaftlicher Sammler.
Infoboxen
We The Media (zurück zum Artikel)
Die Welt der Informationsverbreitung ist seit Beginn des Internet in einem radikalen Umbruch und ehemalige Empfänger (Bürger) werden mit Internetwerkzeugen (Weblogs, Wikis, P2P-Software) zu Sendern. Dan Gillmor bringt das in seinem englischsprachigen Buch "We The Media" (O'Reilly Verlag/ ISBN: 0-596-00733-7) über den neuen Graswurzel-Journalismus genau auf den Punkt. Interessant ist in diesem Zusammenhang natürlich das Mobiltelefon und dessen Auswirkungen. Die Herausgeber Peter Glotz, Stefan Bertschi und Chris Locke versammeln in "Thumb Culture" (Transcript Verlag/ ISBN: 3899424034) dazu jede Menge Essays und werfen Blicke auf die kulturellen, persönlichen und industriellen Umwerfungen. Wer jedoch lieber Deutsch liest, dem sei "Die heimliche Medienrevolution" von Erik Möller (Heise Verlag/ ISBN: 393693116X) ans Herz gelegt. Der Wikipedia-Experte untersucht dort wie Weblogs, Wikis und freie Software unser Welt verändern.
Thumb Culture
von Peter Glotz, Stefan Bertschi, Chris Locke
Oktober 2005
(Transcript Verlag/ ISBN: 3899424034)
We the Media
Grassroots Journalism by the People, for the People
By Dan Gillmor
July 2004
(O'Reilly Verlag/ ISBN: 0-596-00733-7)
Die heimliche Medienrevolution
Erik Möller
November 2004
(Heise Verlag/ ISBN: 393693116X)
Web 2.0 (zurück zum Artikel)
Web 2.0 ist nichts Neues, weil es schon lange da ist. Trotzdem ist das Wort bei Netz-Geeks in aller Munde. Denn Web 2.0 ist ein Prädikat für Software-Anwendungen, die den Benutzer in den Mittelpunkt rücken und sich gleichzeitig seine eingegebenen Daten zunutze machen. Web 2.0 kann jeder nutzen der einen Browser steuern kann. Zu bekannten Werkzeugen der neuen Generation gehört zum Beispiel das Bookmark-Werkzeug von del.icio.us, die kostenlose Foto-Community flickr.com, das P2P-Werkzeug Bittorrent oder die fabelhafte Wikipedia-Enzyklopädie. Tim O'Reilly hat es in seinem Artikel "What Is Web 2.0" auf den Punkt gebracht: www.oreillynet.com/lpt/a/6228.
erschienen in Intro 02/2006 - Seite 84: "UMTS-Handys & Co. Bürgerfunk: Generation Handy 2.0!?!"
